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Texte zu Kunst und Philosophie
ISSN 1437-3777

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Werner Brück: Kunst? Wissenschaft? Teil V: Ping Qiu.

Ping Qiu: Trommeln. Installation, Verschiedene Materialien, bis 2008.

In Plastiken und Installationen arbeitet Ping Qiu mit verschiedenen Materialien und in verschiedenen Kontexten. Sie spielt mit anorganisch nachgebildeten organischen Objekten. In Fiktionsbrüchen setzt sie das Alltägliche in neue Zusammenhänge. Körperteile aus Kunststoff, Gips, Schokolade oder Beton ergeben Metaphern, Parabeln sozialer Wirklichkeit, gesellschaftliche Bezugnahmen. Für das Swiss Artists in Labs Program bewarb sie sich mit Trommeln. Auf roten Fässern bewegen sich Doppelhände an Stäben rhythmisch auf und ab, getrieben durch Motoren an einer Steuereinheit. Die hellen Doppelhände vor der roten Fassfarbe ergeben Figuren, die an Spinnen und Krebse erinnern. Ihre ausgreifende Fingersymmetrie erzeugt Vielgliedrigkeit, die der kreisförmigen und regelmäßig begrenzten Form der Fässer kontrastiert. Die Hände allein wirken makaber. Die an Blut erinnernde Farbe Rot der Fässer und das fahle Handinkarnates verstärken den Eindruck des Makabren. Ebenso die Symmetrie der Aneinandergefügung von Händen, die frankensteinisch anmutet. Fässer sind keine Trommeln. Ihr gewöhnlicher Kontext stellt der Bereich der Lagerhaltung, vielleicht sogar der Lagerung von Gefahrstoffen dar. Die Hände, die trommeln, tun dies nicht auf Instrumenten traditioneller chinesischer Musik, die von Buddhismus geprägt wurde. In jener eignete dem Trommeln mythische Funktion. Tanz und Rhythmus bildeten ein ganzheitliche Miteinander von Mensch und Natur. In Ping Qius Fässern erhalten sich Traditionen nur noch im zentral gesteuerten Trommelschlag. Die Betrachtung muss erkunden, ob Tradition sich in die Gegenwart verpflanzt hat. Oder ob diese Sichtweise westliche Authentizitätsvorstellungen als Alternativen zum eigenen sinnentleerten Weltbild widerspiegelt, dem die Wirklichkeit keineswegs gehorchen muss. In dieser Deutung spielen Vorurteile vielleicht auch eine Rolle.

Ping Qiu: Vogelfrei. Installation, Verschiedene Materialien, o.J.

Das könnte auch für Vogelfrei gelten. Die Doppelhand taucht auch in dieser Installation auf. Dort allerdings in Weiß. So wie im Gegenlicht Hände tierartige Schatten bilden können, so werden die weißen Hände zu aufflatternden Vögeln zusammengesetzt. In der dreidimensional einsehbaren Szenerie werden sie an Käfigen montiert, und zwar so, dass sie fortfliegen können. Die Käfige vereinzeln sich im Raum. Dem Lebewesen wird Platz eingeräumt, auf unterschiedlichen Höhen, in mehr oder weniger geöffneten Käfigen.

Ping Qiu: Europa. Installation, Verschiedene Materialien, 2006.

Europa ist ein Werk der Landschaftskunst. Ping Qiu bildet Europa als Staatenkarte auf einer Wiese ab, mit Blumen. Außer den Anspielungen auf die Nationalcharaktere ist zuvörderst der Prozess der Werkgenese zu betrachten. Die ursprüngliche Karte wird quadriert und mit Latten auf das Gras übertragen. Hier bedient sich Ping Qiu einfachster technischer Hilfsmittel zur Abbildung des Kontinents. Die Inbesitznahme der Brache an einer Autobahn wird unterstrichen durch das Ausheben von Gräben zwischen den Staaten. Die Gräben werden mit herangeschafften Bruchsteinen ausfundamentiert. Füllmaterial festigt, unterteilt den Acker dauerhaft. AlgII-EmpfängerInnen aus dem Hartz-IV-Umfeld der Region um Pasewalk graben um, jäten Unkraut, was immer das bei Staaten bedeuten mag, pflanzen Blumen über das ganze Land, immer in der gleichen Sorte. Die gärtnerische Arbeit bildet Flurbereinigung und Bevölkerungspolitik ab. Die Werkgenese fungiert als Bedeutungsträger, woraus sich die exquisite Güte des Werkes als eine im Enstehen begriffene Parabel auf Europa ergibt. Dass dabei das Kleinformat auf den großen Maßstab gerastert wird, lässt die Technokratie kleiner, aber richtungsweisender Kommissionen brisant erscheinen. Ping Qiu kontrolliert die Zustände aus dem Flugzeug und meint hintergündig lächelnd, dass 90% des Werkes korrekt angelegt seien. Hierin kostet die Künstlerin die Möglichkeiten und die Bedeutung des künstlerischen Werkvollzuges bis ins Letzte aus. Die Betrachtung des fertigen Werkes, der bloßen Oberfläche, so man denn davon sprechen könnte, würde dieser praktischen Vollzugstiefe nicht gerecht. Aber auch gilt: Menschsein schließt weder die kreative Überwindung denkerischer Grenzen noch die Schaffung beständiger Resultate aus.

Ping Qiu: Europa. Installation, Verschiedene Materialien, 2006.

Die Arbeit mit verschiedenen Materialien und (Steuerungs-)Techniken erfordert Experimente, das wurde deutlich in Trommeln. Ping Qiu erhoffte sich von der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz EAWAG in Dübendorf Technikgewinn, Materialkenntnisse, einen Begriff physikalischer, chemischer und elektronischer Zusammenhänge und Gelegenheit zum Ausprobieren und Lernen. Ihre Erwartungen wurden übertroffen. Aus der Dichte an Eindrücken und Lerninformationen entwickelte sie Ideen zu Installationen, Kunst- und Dokumentarfilmen. Gelegenheiten zum Ausprobieren, Beobachten und Nachvollziehen wurde auch durch die Unterstützung seitens der Labore geschaffen. Die Frage, ob das Labor ihr Atelier sei, bejahte sie entschieden. Natürlich kann das Spektrum und die Dichte von Forschungsdaten, Beobachtungen oder die Vielfältige von Methoden und Geräten Laien überfordern. Die Künstlerin versuchte daher, möglichst viele Informationen aufzunehmen, aber auch zu selegieren, sich abzusetzen, um den Wissenserwerb zu strukturieren. Dabei interagierten Kunst und Wissenschaft konkurrenzfrei miteinander, mit gegenseitiger Neugierde. Auch wenn Kunst und Wissenschaft je für sich genommen einen Begriff von Schönheit hätten, müsse Wissenschaft in den Augen der Wissenschaftler vor allem nützlich sein. Bei Künstlern überwiege Ping Qiu zufolge vor allem das Schauen, das Fühlen und das Schaffen von Werken, die im wissenschaftlichen Sinn nutzlos seien. Ping Qiu kokettiert, das lässt der gesellschaftskritische Blick auf die beschriebenen Installationen erahnen. Diese erfüllen sehr wohl das Kriterium einer Nützlichkeit. Diese liegt nicht im technischen Bereich, beansprucht aber soziale, politische Geltung. Ähnlich wie Sylvia Hostettler meint Ping Qiu, dass Künstler nicht an einem wissenschaftlichen Thema forschten, sondern wissenschaftliche Forschung beobachteten. Forschungsabläufe werden mithin als Vorgehensweisen anderer Menschen gewertet, womit sich die Praxis der Kunst auf eine Überposition zum wissenschaftlichen Objektbezug begibt. Zähle für die Wissenschaft Erfolg und die Anerkennung der Beweisführung, die Wissenschaft erfülle, so beobachte Ping Qiu Handlungsabläufe von Wissenschaft. Dass Wissenschaft schöne Bilder besitze, jedoch nicht wisse, wie daraus Kunst zu machen sei, liegt daran, dass sie sich nicht auf die Ebene des bildnerischen Handelns begebe. Ihr fehle damit die Fähigkeit zur visuellen Vermittlung ihres eigenen Vorgehens. Diese Auffassung vertrat Ping Qiu allerdings schon vor ihrem Eintritt ins Labor.

Hintergrund einer Dokumentation über den Senegal ist die Darstellung der Sandec des EAWAG. Diese Abteilung entwickelt Wasseraufbereitungstechnologien und leitet deren Einführung in die Wege. Ziel ist die Verbesserung der Siedlungshygiene in verschmutzen Regionen. Außer der Ausbildung von Fachleuten sind lebbare Waseraufbereitungskonzepte essentiell. Sandec hat ein Konzept zur Dekontamination von Wasser durch Sonneneinstrahlung gefunden, das geringentwickelten Infrastrukturen entspricht. Ping Qiu konnte sich in Dakar ein Bild machen. Das Leben ärmster Menschen an einem mit Giftstoffen, Exkrementen und Abfall verschmutzten Kanal hat sie tief beeindruckt. Filmische Beobachtungen, Interviews, Einblicke in die schweizerische Forschung und deren Strategien zur Verbesserung der Siedlungshygiene bilden das Thema eines Dokumentarfilms. Sie sammelte noch weiteres Material für Filme, die sich mit Wasser und dessen Erscheinungsweisen in verschiedenen Erscheinungsformen, Qualitäten, physikalischen Eigenschaften und ökologischen Kontexten beschäftigten. Zuletzt sollte noch die Video-Installation Toilet Mirror erwähnt werden. In einer Toilettenschüssel wird ein Monitor installiert. Dieser zeigt einen Film, der Welt thematisch an Wasser bindet und dieses vom Makro- zum Mikrokosmos variiert. Ziel ist ein Bewusstsein für Wasser, das täglich als Abwasser weggeschüttet wird. Hierin zeigt Ping Qiu eine ähnliche soziale und politische Stellungnahme wie in den Installationen aus der Zeit der Bewerbung für das Swiss Artists in Labs Program, erweitert durch die Fülle an Anschauungsmaterial und ökologischem Wissen, das sie aus dem Aufenthalt im Labor gewinnen konnte.

Fortsetzung folgt ...

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