recenseo
Texte zu Kunst und Philosophie
ISSN 1437-3777

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Werner Brück: Kunst? Wissenschaft? Teil III: Ein kunstgeschichtliches Beispiel.

Allan Kaprow / Philip Ursprung

Das Kunstgeschichtliche Institut der Universität Zürich bietet kein Labor, in dem Künstler Wissenschaft kennenlernen können. Philip Ursprungs Vortrag anlässlich der Swiss Artists in Labs-Tagung vom 19.12.08 hatte die Naturwissenschaften im Blick, wozu er ein Werk Allan Kaprows besprach. Ursprungs Lehrstuhl beherbergt das Graduiertenprogramm Pro*Doc ›Art & Science‹ unter der Leitung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF). Dieses Programm

»beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen Kunst und Wissenschaft seit der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart. Im Zentrum steht die Untersuchung der gegenseitigen Austausch-, Reflexions- und Aneignungsprozesse. Die Erforschung der wechselseitigen Durchdringung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und künstlerischen Produktionsformen fokussiert nicht nur Produkte und Objekte, sondern widmet sich vor allem den vielfältig verflochtenen Reaktionen auf die Anregungen, die künstlerische und wissenschaftliche Ereignisse in den jeweiligen Wahrnehmungs-, Darstellungsstrategien und Produktionsformen hervorgebracht haben. Ausgangspunkt ist die These, dass künstlerische Prozesse zwar mitunter wissenschaftliche Mittel und Strategien der Generierung von Wissen aus den Natur- und Technikwissenschaften übernehmen, dass sich jedoch darüber hinaus Positionen und Konzepte im interdisziplinären Wissenstransfer entwickeln, also Kunst und Architektur auch als erkenntnisgenerierende Medien zu verstehen sind, deren aus dem Produktionsprozess hervorgehende Erfahrungen und Konzepte auch in der Wissenschaft wirksam werden. In ihrem Verlauf fragen die angegliederten Forschungsprojekte zudem nach den Handlungs- und Produktionsbedingungen der eigenen Disziplin und stellen sich einer kritischen Auseinandersetzung mit den jeweils zur Verfügung stehenden Methoden.«(1)

Ursprung verweist auf das Darwinjahr 2009, sieht die heutige Hinwendung zu Geistesgrößen als Personalisierung, als Starkult, auch hinsichtlich Institutionen wie des Genfer CERN. Im zweiten Teil unserer Reihe verwiesen wir auf Martin Pohl vom CERN, der als Naturwissenschaftler jedoch eine Entzauberung der Wissenschaft feststellte. Ursprungs Ausführungen legen jedoch nur scheinbar eine andere Sichtweise nahe. Ursprung sieht in der Kunst, v.a. in Allan Kaprows Happening Fluids aus dem Jahr 1967, eine Vorreiterin der Wissenschaftskritik. In jenem Happening errichteten Bürger eine Eisskulptur, die dann in der Sonne wegschmolz. Das Happening negiere den Dauerhaftigkeitanspruch von Kunstwerken. Sie stelle die Reduktion von Kunst auf ein Nichts dar, unter Partizipation des Betrachters an öffentlichem Ort als Infragestellung geltender sozialer, kunstbetrieblicher und ökonomischer Normen, als low tec. Und dieses gelte als

»kritischer Blick gegenüber dem Flirt seiner Zeitgenossen mit der Technologie des big science

Kaprows Gegenprogramm beinhalte die Verbesserung der Kunst durch Orientierung am Leben. Jeder Künstler sei Mensch. Damit bietet sich eine Interpretation von Kunst als eine gelungene mögliche Praxis menschlicher Lebensbereiche an. Darin ist sie natürlich kritisch gegenüber Technik. Ursprung betont die Skepsis Kaprows gegen Grenzen des Denkens. Und die Verzahnung der Kunst mit anderen Bereichen des Lebens sei auch das Anliegen des Pro*Doc ›Art & Science‹, das dadurch mit Kaprows Kunstanliegen enggeführt werden könne.

Spannend sei es, von dieser Perspektive aus das Gegenteil des Artists in Labs-Ansatzes zu betrachten, den Aufenthalt von Wissenschaftlern in Ateliers. Ursprung streicht den wesentlichen Unterschied zwischen bildkünstlerischer und wissenschaftlicher Forschung heraus: dass Forschung in der bildenden Kunst keine technologische Zielorientierung innewohne, sondern dass sie den bloßen Prozess der Forschung in gestalterischer Experimentalpraxis suche. Kunst sei somit Praxis und nicht Poiesis - so hart unterscheidet der Kunsthistoriker. Ursprung klammert Produkte künstlerischer Tätigkeit a priori aus, in Anlehnung an Kaprows Fluids: künstlerische Forschung sei ihm ein Prozess, der keinesfalls zum Produkt führt, sondern lediglich zum Ablauf seiner selbst. Wie z.B. in Kaprows Reduktion des Werkes auf ein Nichts. Damit wird natürlich die produzierende Dimension von Kunst verneint. Der ewige Prozess der Kunst wäre seiner Produkte entledigt. Natürlich muss Ursprung seine Ausführungen konturieren, was auch heißt, Gegensätze zu akzenturieren. Aber die Formulierung eines Entweder-Oders im extensionalen Gebrauch von Begriffen ist bedenkenswert. Kunst immunisiert sich als Praxis. Sie muss sich nicht mehr fragen, ob ihre Produkte es wert seien, ihr Tun und Handeln anzuerkennen. Kunst muss auch nicht mehr Dinge oder Sachverhalte produzieren, die außerhalb ihrer selbst liegen. Wenn die gebildeten Produkte sich auflösen, zeigt das, dass ein bildender Künstler eigentlich kein Interesse mehr hat am Bilden. Vielleicht ist das der Grund für Kaprows low tech. Hier löst sich ein Kunstbegriff auf, der auf distinkten gestaltenden Tätigkeiten basiert. Das mag brutal klingen, doch möchte Ursprung der Kunst eigentlich nichts anderes geben als eine Begründung aus sich selbst heraus. Ob sein Versuch jedoch überzeugen kann, denn schließlich handelt es sich bei der Bildenden Kunst ja auch um eine bildende Kunst, sei dahingestellt. Die Beispiele für bloße Inhaltskunst, der es weniger um Art und Weise sowie Qualität und Dauerhaftigkeit bildnerischer Setzungen geht, sind Legion.

Es bleibt der merkwürdige Eindruck, dass sich Schlagwörter wie künstlerisches Forschen als Ersatz für künstlerisches Bilden anbiedern, womit man sich zwar der bildnerisch-poietischen Dimension der Kunst entledigen kann, um sich jedoch sogleich an den Rockschoß einer nicht hinterfragten Pseudowissenschaftlichkeit, einer gestalterischen Experimentalpraxis zu hängen. Man bedenke: gerade die Praxis der Wissenschaften setzt im Experiment ein Theoriekonstrukt voraus, das es zu prüfen gilt. Dass künstlerischer Forschung keine Zielorientierung innewohne, sondern dass sie bloße Prozesshaftigkeit im Experiment suche, widerspricht sich selbst. Das zeigt, dass die Begriffe Forschung, Experiment, Wissen, wenn sie denn ernst genommen werden sollen, eben nicht aus der Wissenschaft in die Bereiche der Kunst übernommen werden können.

Fortsetzung folgt ...

Anmerkungen

  1. Website Pro*Doc ›Art&Science‹, URL: http://www.khist.uzh.ch/Moderne/ProDoc.html, Stand 23.01.09.

Literatur

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