recenseo
Texte zu Kunst und Philosophie
ISSN 1437-3777

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Josef Bordat: Der schöne Staat. Die Überwindung der kantischen Republik im "Ältesten Systemprogramm des Deutschen Idealismus" (1796).

Eine zentrale Aufgabe der Staatsphilosophie ist die Klärung der Voraussetzungen, Bedingungen, Umstände und Folgen des historischen Prozesses der Staatsgenese, insbesondere mit Blick auf die Freiheit des Individuums im Übergang vom Naturzustand in den Zustand gesellschaftlicher Ordnung. Darum geht es in den kontraktualistischen Staatsentwürfen des Thomas Hobbes, jener minimalistisch-szientistischen Konstruktion zur Sicherung der friedlichen Koexistenz antagonistischer Lebewesen, des John Locke, bei dem der liberal-minimalistische Staat aus freiwilligem Zusammenschluss zur Deliberation entschlossener Bürger entsteht und des Jean-Jacques Rousseau, dessen maximalistisch-revolutionärer Staat sich als Ergebnis der Übereinstimmung von einzelnem und allgemeinem Willen bildet. Der Gesellschaftsvertrag sichert die Freiheit des Individuums, auch um den Preis absoluter Herrschaft Einzelner, der Staat ist substantiell gerechtfertigt, zunächst (Hobbes) unabhängig von seiner konkreten Gestalt, dann (Locke, Rousseau) gebunden an demokratische Prinzipien. Auch der weltumspannende Republikanismus Kants steht in dieser Tradition. Er betont zwar - in Anlehnung an die liberalen Ideen der englischen und französischen Aufklärung - auch die Notwendigkeit von Freiheit im Staat und vor dem Staat und nicht nur durch den Staat, fasst das rationale Räsonnieren jedoch als Beschäftigung auf, die den funktionalistischen Staat nicht unterwandern darf. "Räsonniert, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt, aber gehorcht!", das Motto Friedrichs des Großen, wird durchaus akzeptiert und dem "aufgeklärten Monarchen" zugute gehalten.[1]

Das "Älteste Systemprogramm des Deutschen Idealismus"

Simanowiz, Ludovike: Friedrich
Schiller. 1794.

Im Gegensatz dazu tritt der Deutsche Idealismus für einen ästhetischen Freiheitsbegriff ein, bei der jede Staatlichkeit nur störend wirkt.[2] Dies wird deutlich im so genannten "Ältesten Systemprogramm des Deutschen Idealismus", ein kurzer Text aus der "zweite[n] Hälfte des Jahres 1796"[3], der lange verschollen war und erst 1913 bei einer Auktion der Firma Leo Liepmannssohn in Berlin, die Stücke aus dem Nachlass des Hegel-Schülers Friedrich Förster versteigerte, wieder aufgetaucht ist. Zur Frage der Verfasserschaft entstand von Beginn der Entdeckung des Manuskripts an eine Kontroverse. Von dem unstreitigen Fakt ausgehend, dass es sich um Hegels Handschrift handelt, wurde zum einen behauptet, es handele sich um eine Abschrift Hegels, der Text stamme ursprünglich von Schelling [4] oder Hölderlin [5], zum anderen, es handele sich um einen Text, der auch inhaltlich ganz Hegel [6] zuzuschreiben ist. Schillers (Mit-)autorenschaft ist umstritten, vertreten wird sie etwa von Michele Cometa [7], gleichwohl passen die Ausführungen zur Freiheit und zum Staat zu Schillers Denkweise. Der Einfluss Schillers, für den die politische Freiheit "das vollkommeste aller Kunstwerke"[8] darstellt und der mit den mutmaßlichen Autoren Hegel, Hölderlin und Schelling bestens bekannt war, soll in einer Analyse des Staatsbegriff im "Ältesten Systemprogramm des Deutschen Idealismus"[9] nachgewiesen werden. Ich möchte mich in der Auslegung also auf den Abschnitt über das "Menschenwerk" von "Staat, Verfaßung, Regierung, Gesetzgebung" beschränken. Die Textstelle lautet: "Von der Natur komme ich aufs Menschenwerk. Die Idee der Menschheit voran - will ich zeigen, daß es keine Idee vom Staat gibt, weil der Staat etwas mechanisches ist, so wenig als es eine Idee von einer Maschine gibt. Nur was Gegenstand der Freiheit ist, heißt Idee. Wir müssen also auch über den Staat hinaus! - Denn jeder Staat muß freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln; und das soll er nicht; also soll er aufhören. Ihr seht von selbst, daß hier alle Ideen vom ewigen Frieden usw. nur untergeordnete Ideen einer höhern Idee sind. Zugleich will ich hier die Prinzipien für eine Geschichte der Menschheit niederlegen und das ganze elende Menschenwerk von Staat, Verfaßung, Regierung, Gesetzgebung - bis auf die Haut entblößen."[10]

Der Staat als elendes Menschenwerk

Zentraler Begriff dieses Abschnitts ist der des Staats. Der Staat wird erstens als "mechanisch" und zweitens als "Menschenwerk" bezeichnet, wobei dieses wiederum als "elend" charakterisiert wird.

Dass der absolutistische Staat als mechanisch empfunden wurde, erhellt sich bei einer Betrachtung der Entstehung des modernen Staates beim oben erwähnten Hobbes. Die Individuen, entschlossen, dem naturrechtlichen bellum omnium contra omnes ein Ende zu bereiten, schließen einen Vertrag miteinander, der einen Souverän - in Hobbes Konzept gleichbedeutend mit dem Staat - begünstigt, Regelungen zu treffen, die ohne die Macht des Souveräns auf kriegerischem Wege ausgefochten würden. Der Souverän seinerseits ist nicht vertraglich gebunden, er steht mithin "absolut" über den Vertragspartnern.

Der Begriff der Maschine wurde in der Renaissance unter dem Einfluss der naturwissenschaftlichen Fortschritte und des rationalistischen Denkens auf den Staat übertragen. Die mechanistische Weltsicht Galileis, Descartes' und Leibnizens ließ das Militär zur "gedanken- und willenlosen Maschine", Philosophie und Jurisprudenz zum "mechanischen Räsonnieren" werden.[11] Der mechanische Staatsbegriff des Absolutismus wurde erst in der Spätaufklärung wirkungsvoll kritisiert und im 19. Jahrhundert durch einen organischen ersetzt, dessen Idee noch heute Begriffen wie dem des Staatsorgans zugrunde liegt. So kritisiert Herder vehement den "wohleingerichteten Maschinenstaat"[12] und Schiller bezeichnet den Staat als "Uhrwerk"[13]. Kant fordert eine menschenwürdige Behandlung aller durch den Regenten, da der Mensch "mehr als Maschine ist"[14]. Bei Fichte erscheint der Staat dann schon als Organismus[15], dessen einzelne Glieder zusammenwirken müssen, wenn er seine Aufgabe, die Verwirklichung von Recht, erfüllen will [16], wobei in seinen Frühschriften die Charakterisierung des Menschen als Maschine, Räderwerk und Mechanismus durchaus gebräuchlich ist.[17]

Im Systemprogramm wird allerdings, entgegen den von Kant und Fichte erarbeiteten Fortschritten, wieder auf die Maschinenmetapher zurückgegriffen, um den Staat als gänzlich überwindungswürdig darzustellen. Es ist offenkundig, dass die Verfasser aus Enttäuschung über und in Anspielung auf die nach wie vor absolutistischen Zustände in Deutschland Begriffe wie "mechanisch", "Maschine" und "Räderwerk" verwenden.