recenseo
Texte zu Kunst und Philosophie
ISSN 1437-3777

Inhalt | Editorial | Impressum

Werner Brück: Der Maler Nikola Dimitrov - Pierrot Lunaire. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein untersuchte Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts die Voraussetzungen für eine wissenschaftliche Idealsprache. Das Denken stellt die Verbindung zwischen Gegenständen und Sachverhalten her. Diese Verbindung hat eine logische Form. Der Satz beschreibt die Art dieser Verbindung. Der Satz ist die Beziehung der Ausdrücke, die in ihm stehen. Der Satz ist nicht einfach das sinnlich wahrnehmbare Zeichen. Der Satz ist der Umstand, daß "Peter" vor "liebt" vor "Anna" steht. Laute oder Schrift sind hingegen sinnlich wahrnehmbare Zeichen.

Wir können Zeichen von deren logischen Beziehungen zueinander unterscheiden. Können wir für diesselbe Beziehung auch verschiedene Zeichen nehmen? Also ein Bild oder jedoch ein Gedicht. Sind Bilder, Musikstücke und Gedichte sogar hinsichtlich ihres Sinnes austauschbar? Schauen wir uns einen Sonderfall dieses Themas an, die Frage nach dem wissenschaftlichen Sprechen über die Beziehungen zwischen den Künsten.

Der Literaturhistoriker Fritz Strich behauptete Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts, Farben und Steine dienten als Medien einer bildlichen und Wörter als Medien einer sprachli­chen In­haltskonstitution. Also repräsentierten beide Medien als "sinnvolle Formgestalten" Inhalte. Das würde in der un­gegenständlichen Dichtung eines Novalis oder in der ungegenständlichen Male­rei eines Kandinsky deutlich. Echte, von der einen in die andere Kunst "über­tragene" Grundbegriffe wie "Das Klassische", beziehen sich nach Strich auf geistige, all­gemein-menschli­che Grundhaltungen. Vielleicht ist die Gleichsetzung der Künste vor dem Horizont invarianter Grundbegriffe problematisch. Warum sollte der Maler gerade jene "sinnvolle Formgestalt", der Dichter jedoch gerade die andere wählen?

Warum sollte Kandinsky sich als Maler die Mühe machen, Tanz und musikalischen Ausdruck, Bühnenbilder und Modekunst in den schöpferischen Ausdruck des Gesamtkunstwerkes zu vereinen, wenn nicht gerade die "sinnvolle Formgestalt" der jeweiligen Kunst einen bestimmten Inhalt repräsentierte?

Oscar Walzel versuchte etwa zur gleichen Zeit, Er­kenntnisse aus der Betrachtung der Bildenden Kunst zur Ausarbeitung einer literaturwis­senschaftlichen Methode zu nutzen. Walzel will kunstgeschichtliche Begriffe auf Werke der Dichtkunst oder der Musik übertragen. Dabei sieht er das Problem der dro­henden Metaphorisierung der Ausdrucksweise. Die für die Bildende Kunst ge­fundenen Begriffe beziehen ihre Existenzberechtigung lediglich aus ihrem konkreten Be­zug auf das so und so gegebene An­schauungsmaterial. Schließlich sollen sie scharf bleiben. Man kann also Parallelen vom Versmaß eines Gedichtes zum Rhythmus im Farbauftrag eines Gemäldes ziehen - die Andersartigkeit der Silbe im Vergleich zum Farbauftrag läßt sich je­doch nicht verneinen.

Und hier beginnt die eigentliche Gratwanderung, wenn man Malerei mit Dichtung vergleichen will. Auf der einen Seite warnt uns Walzel vor der unscharfen Metaphernverwendung. Der Farbauftrag verläuft poetisch oder einsilbig, wie auch immer. Die Silbe klingt trocken oder kontrastiert gar das rhythmische Gefüge. Auf der anderen Seite des Grates steht jedoch Strich's zugrundeliegende generelle Totalität des Empfindens, für das die Wahl der Ausdrucksmittel zufällig verläuft. Nikola Dimitrov hat den enormen Vorteil, die verschiedenen künstlerischen Mittel gleich ausprobieren zu können. Indem er seine Bilder, beeinflußt durch Musik und Poesie, entstehen läßt, bezieht er sich auch auf das Thema "Übersetzung".

Lassen Sie mich kurz das Gedicht "Der Dandy" vortragen, Otto Erich Hartlebens Übersetzung des französischen Originals aus der Feder Albert Girauds:

"Mit einem phantastischen Lichtstrahl
Erleuchtet der Mond die krystallnen Flacons
Auf dem schwarzen, hochheiligen Waschtisch
Des schweigenden Dandys von Bergamo.

In tönender, bronzener Schale
Lacht hell die Fontaine, metallischen Klangs.
Mit einem phantastischen Lichtstrahl
Erleuchtet der Mond die krystallnen Flacons.

Pierrot mit dem wächsernen Antlitz
Steht sinnend und denkt: wie er heute sich schminkt?
Fort schiebt er das Rot und des Orients Grün
Und bemalt sein Gesicht in erhabenem Stil
Mit einem phantastischen Mondstrahl."

Im Gedicht sind Zeit und Ort auf eine Stelle, auf einen Augenblick begrenzt. Dimitrov wählt für diese Konzentration die schwarzen Kunststoffolien mit ihrem kleinen Format. Das läßt den Betrachter sich nähern und fordert seine Versenkung. Er stellt eine Reihung dieser Bilder auf, von denen jedes wiederum in sich abgeschlossen und für sich steht. Jedes ein singulärer Kosmos. Er zeigt oft auch gerahmte Bildgegenstände, Kreisformen oder Rechtecke. Die Rahmung, die Einfassung, erfolgt in diesen Bildern dadurch, daß die Formen nicht aus den Bildgrenzen ausgreifen.

Auch geht der Künstler durch Farbrinnsale bewußt auf den Charakter des Bildträgers ein. Der stößt Farbe ab. Gezeigt wird der Abstoßungsprozeß als Moment der künstlerischen Bildwerdung. Darin bezieht sich das Bild wiederum auf das Gedicht. Dort tauchen Störungen im rhythmischen Fluß auf. Diese Störungen thematisieren die gebundene Sprache und ihren Vortrag - oft eine Eigenschaft von Poesie. Ein weiteres Beispiel wären Stricknadeln, die sich in einem anderen Gedicht gegen das Metrum stemmen, und denen im betreffenden Bild Dimitrovs widerständige Ritzrinnen in den Farbschichten antworten.

Dimitrovs Bilder stehen in der Folge des Beginns des Zwanzigsten Jahrhunderts. Hinsichtlich der Themenwahl, denn er beschäftigt sich mit dem "Pierrot lunaire" von Giraud, Hartleben und Schönberg. Hinsichtlich der künstlerischen Methodik: seine Werke sind gekennzeichnet vom Wechselspiel aus Abstraktion und der Anspielung auf Gegenstände. Und auch in philosophischer Hinsicht bezieht er sich auf die Zehner und Zwanziger Jahre. Denn die "Wechselseitige Erhellung der Künste" wurde damals angesprochen. Wie ich die Lage einschätze, aber auch bald wieder vergessen, weil die einzelnen Kunstwissenschaften sich zu diversifizieren und die einzelnen Schulen dadurch sich zu etablieren suchten - man denke an Ikonologie oder Literatursoziologie. Im "Pierrot Lunaire" stellt sich aber auch die Frage nach den Möglichkeiten einer bildkünstlerischen Sprache. Dimitrov zeigt jedoch kein bloßes Stilempfinden, sondern ein künstlerisches Aufgreifen der Übertragungsthematik, und damit eine ernsthafte Auseinandersetzung.

Zu diesem Aufsatz vgl. die Publikation: Fricke, Stefan (Hrg.): Pierrot Lunaire. Saarbrücken, 2003. Dort ist der ganze Zyklus des "Pierrot Lunaire" in Farbe veröffentlicht. Hinzu kommen die betreffenden Gedichte Albert Girauds sowie wissenschaftliche Aufsätze. Der Text dieses Artikels folgt dem Vortrag des Autors anläßlich der Ausstellung "Nikola Dimitrov - Pierrot Lunaire | Bildtransformationen nach der Musik Arnold Schönbergs".

Inhalt | Editorial | Impressum

recenseo
Texte zu Kunst und Philosophie
ISSN 1437-3777