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Texte zu Kunst und Philosophie
ISSN 1437-3777

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Fee-Alexandra Haase: Ars critica. Der Rhetorlehrer Quintilian als Vorbild für Begriffe und Aufgaben von Kritik in neulateinischen Reden und Schriften Deutschlands im 18. Jahrhundert.

Einleitung

Zu den Bereichen der kritischen Analyse von Literatur, die sich bereits in der römisch-griechischen Antike in der Lehrliteratur zeitgenössischer Philologen etabliert haben und sich in Schriften des 18. Jahrhunderts anhand einer Übernahme der Terminologie der antiken Rhetoriklehre und Kritik als Fachdisziplin verfolgen lassen, gehört die Kunst oder Technik der Kritik, für die im frühen 18. Jahrhundert die Bezeichnung 'ars critica' verwendet wird. Als Vertreter der antiker Rhetorik in Schriften, die Mitte des 18. Jahrhunderts verfaßt wurden, kommt dem Rhetoriklehrer Marcus Fabius Quintilian die Rolle eines Gewährsmannes für diese Kunst zu. Die Verweise von Autoren des 18. Jahrhunderts auf die Institutio oratoria, das Hauptwerk des in der ersten Jahrhundert nach Christi Geburt in Rom lebenden Rhetorikers aus Spanien, sind für die Berufung auf Personen und ihre Lehre der antiken Rhetorik als Autoritäten in dieser Zeit exemplarisch. Eine Quelle für die Rezeption von Schriften Quintilians in der Neuzeit bilden zahlreiche Veröffentlichungen von in Deutschland erschienenen Ausgaben seiner Institutio Oratoria in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts.

Der Begriff 'Ars critica' und die freien Künste der Antike

Quintilians Schrift repräsentiert das in der römischen Antike entwickelte Bildungsmodell der 'artes liberales'. Die Anwendung dieses Bildungsmodell erstreckt sich bei Quintilian unter didaktischen Gesichtspunkten auf die Ausbildung zum Redner. Anhand des Vergleiches von Quintilians Lehrschrift und den Autoren, die sich auf seine Lehranweisungen beriefen, wird der Frage nachgegangen, in wie fern und zu welchem Zweck das von Quintilian vermittelte Bildungsideal in der Mitte des 18. Jahrhunderts wiederbelebt, verändert und erweitert wird und welche Funktionen Quintilian in dieser Zeit bei der Vermittlung von Lehrinhalten zukommen bzw. vernachlässigt werden. Bestandteile des Bildungssystem der 'artes liberales', so das 'trivium' als Bildungseinheit aus den Disziplinen Grammatik, Rhetorik und Dialektik, werden in der Institutio Oratoria als Grundlage der Ausbildung zum Redner verwendet. Diese Aufgaben der 'ars critica' und ihre Verknüpfung mit verschiedenen Disziplinen der Analyse von Literatur sind in Quintilians Schrift mit Ausbildungszwecken verbunden. Diese Form von Verweis auf Bereiche der artes liberales und die praktische Verwendung von Kritik zur Bewertung von Schriften kennzeichnen die Aufgaben die didaktische Vorgehensweise bei Quintilian.

Die Anhänger der Kritik im 18. Jahrhundert hatten guten Grund, als Gewährsmann den Rhetoriker Quintilian heranzuziehen. Dies läßt sich mit einem Blick auf die Anweisungen für die Ausbildung des Redners veranschaulichen. Praktische Literaturkritik an zeitgenössischen und alten literarischen Werken und eine Ausbildung des Urteilsvermögens des zukünftigen Redners sind hier verbunden. Quintilians Institutio oratoria ist beispielhaft für die Anleitungen zur rechtmäßigen Urteilung von Werken der Literatur. So findet sich im 10. Buch der Lehrschrift nicht nur die Anweisung, mit Urteilsvermögen ('cum iudicio') den Wortschatz bei der Ausbildung zum Redner zu behandeln, sondern auch ein Abriß von Schriften, die als Lehrbücher dem zukünftigen Redner nützlich sind.(1)

Neben Ermahnungen, zwischen dem richtigen und falschen Urteil ('iudicium') zu unterscheiden, wird von Quintilian das Thema erörtert, welche Autoren für die Ausbildung empfehlenswert sind.(2) Dabei unterzieht Quintilian Werken der Dichtung, Geschichtsschreibung und Philosophie aus römischer und griechischer Antike einer prüfenden Bewertung. Er beruft sich bei seiner Beurteilung auf Aristarchos und Aristophanes als Autoritäten der Beurteilung von Dichtung ('poetarum indices'), deren Urteil er mit einer Stilkritik verbindet.(3)

Daß der aus Spanien stammende Lehrer der Beredsamkeit in seiner Schrift den Zweck der Bildung und die Bewertung von literarischen Quellen miteinander verknüpft, bezeugt die Ausrichtung seiner Schrift auf die praktische Anwendbarkeit von literaturkritischen Erläuterungen. Bei Quintilian findet sich ein Begriff des Urteils ('iudicium'), der sich sowohl auf die Angemessenheit des Urteils der Auszubildenden als auch auf allgemeine Kriterien der Eignung von Literatur bezieht.

Quintilian als 'auctoritas' von Autoren des 18. Jahrhunderts

Anhand der Rezeption von Quintilians Institutio Oratoria lassen sich die Aufgaben der 'ars critica' gegen Mitte des 18. Jahrhunderts an Reden veranschaulichen, die sich mit unterschiedlicher Intention der jeweiligen Rede auf die Funktionen der Kritik berufen, die Quintilian vorschlägt. Als Quellentexte für die Quintilian Rezeption werden schriftlich überlieferte Reden von Johannes Ernst Immanuel Walch, den Gebrüdern Christian Wilhelm und Johann Georg Walch und Johannes Jakob Rentsch herangezogen.

Mit den Schriften dieser Autoren ist eine Textgattung repräsentiert, die 'ars critica' als Bestandteil von Disziplinen auffaßt, die hinsichtlich des Gegenstands ihrer Lehre den 'artes liberales' der Antike gleichkommen. Diese Schriften gehören der literarischen Gattung Rede an und werden auch als Reden ('oratio' oder 'diatribe') in den Überschriften bezeichnet. Auch bei Johann Ernst Immanuel Walchs Schrift De arte critica veterum Romanorum, einer Abhandlung, die als Geschichtskompendium Vertreter der griechischen und römischen 'ars critica' zusammenstellt, handelt es sich um einen Vertreter der literarischen Gattung Rede. Überlieferungsgeschichtlich bedeutsam für die Literatur in Deutschland war das Werk Ars critica von Jean LeClerc, das im Jahre 1698 auch in London gedruckt wurde. Die Epistolae criticae et ecclesiasticae von LeClerc werden in 6. Edition im Jahre 1778 herausgegeben. Weitere Vertreter für die Geschichte der Kritik sind Kaspar Schoppe, der in Amsterdam im Jahre 1662 seine Ars Critica publiziert, und Ignaz Monteiros, dessen Werk Logica seu ars critica ad rationem dirigendam in zwei Bänden in Venedig im Jahre 1768 erscheint.

Ein Vertreter der Methoden der 'ars critica' in der Philologie ist Johann Ernst Immanuel Walch, der die Entsprechung von Grammatikern, Rhetorikern und Kritikern thematisiert. Walchs Schrift De arte critica veterum Romanorum wurde in Jena 1757 in zweiter Auflage veröffentlicht.(4) Bereits 1747 wurde der Hauptteil dieser Schrift, die Rede Diatribe de ortu et progressu artis criticae apud veteres romanos, separat veröffentlicht.(5)

Walchs Schrift ist beispielhaft zur Veranschaulichung der Verbindungen von Disziplinen, in denen die 'ars critica' angewandt wird. Dieses Verbindung beruht bei Walch auf dem Quellenstudium von antike Schriften, auf die sich seine Schrift mittels der kommentierten Wiedergabe von antiken Quellen und philologischen Kritik des 17. Jahrhunderts stützt. Die Gliederungsform der Kritik mit der Bezeichnung 'ars critica' in drei literarische Gattungen, die bereits bei Quintilian zu finden ist, übernimmt Walch, wobei er die Gattungen variiert. So verwendet Walch die Dreiteilung von Kritik in Philosophie, Geschichte und Grammatik. Neben dieser Definition des Gegenstandsbereiches bestimmt er als Aufgaben der 'ars critica' die Verbesserung ('emendatio') von falschen Textstellen und der Auslegung ('interpretatio') eines Textes.(6)

Als Vertreter der antiken 'ars critica' dienen ihm Aristoteles, der in platonischen Schriften Kratylos, Gorgias und Ion überlieferte Sokrates und Homer.(7) Das Bild Quintilians in Johann Ernst Immanuel Walchs Schrift ist durch die Übernahme von dessen Anweisungen zur Rednerausbildung in der Institutio Oratoria geprägt. Quintilian repräsentiert bei Walch die Personalunion von Rhetoriker, Kritiker und Grammatiker. Quintilian ist Walch neben anderen Vertretern Gewährsmann für die Verknüpfung von Rhetorik, Dichtung und 'ars critica'.(8)

Als Teile der Literaturkritik, die für Quintilian bedeutsam sind, führt Walch das Wissen, richtig zu sprechen ('recte loquendi scientia') und die dichterische Erzählung ('narratio poetarum') an: Aufgabe der Kritik ('critica') ist die Deutung der Schriften von Dichtern ('interpretatio poetarum').(9)

So bemerkt Walch, daß die Kritik zum Aufgabenbereich der Rhetorik gehört und Rhetoriker wie Dionysius Halicarnassus und Isokrates für die Leistungen der an Literatur angewandten Kritik beispielhaft sind.(10)

Aus dem Ausbildungsmodell Quintilians übernimmt Walch die Verbesserung von Texten ('emendatio'). Für die Methode des rechtmäßigen Schreibens ('recte scribendi ratio') beruft er sich auf Quintilian, der diese Fähigkeit als eine Quelle des Urteils ('iudicium') betrachtet.(11)

An anderer Stelle weist Walch mittels des historischen Beispiels Quintilians darauf hin, daß Kritiker ('criticus') und Grammatiker ('grammaticus') identisch sein können.(12)

Als Beispiel dieser Personalunion dient ihm Quintilian, der nicht nur die Vorschriften der guten Rede ('bene dicendi'), sondern auch die Methoden der Erregung von Affekten ('ratio concitandorum affectuum'). Arten und Gebrauch von Sentenzen ('genera et usus sententiarum'), Erfindung ('inventio propositionum') und die Art und Weise des Lesens und Nachahmens von Literatur ('legendi atque imitandi modus') vermittelt.(13)

Auch für die Zusammengehörigkeit von Dichtung und Kritik ist ihm der Rhetoriker veranschaulichendes Beispiel. Textkorrektur, Interpretation und Kommentar von Schriften sind bei Walch Bereiche, die Rhetorik, 'ars critica' und Grammatik verbinden.

Ein Beispiel für die Kritik von Geschichtsüberlieferung mittels der 'artes liberales' sind Christian Wilhelm Franz Walchs praktische Anweisungen zur 'ars critica'. Christian Wilhelm Franz Walchs zwanzig Seiten umfassende Schrift De eloquentia Latina veterum Germanorum wurde 1752 in Jena veröffentlicht.(14)

Diese Rede ruft die Frage nach dem Zusammenhalt und der Überlieferung des kulturellen Erbes der artes liberales bei Römern und Germanen hervor. Die Darstellung des Fortwirkens der freie Künste auf die Germanen dient zur Entkräftung der überlieferten Behauptung, daß die Germanen den Römern hinsichtlich ihrer kulturellen Leistungen unterlegen seien. Die Behauptung des Fortbestandes der 'artes liberales' bei den Germanen weiß Walch argumentativ zu stützen, indem er Tacitus und Quintilian für seine auf historische Beispielreihen aufbauende Argumentation heranzieht. Die Behauptung, daß die Germanen nicht mit den 'artes liberales' vertraut seien, führt er zunächst auf falsche Interpretationen des Tacitus zurück. Im zweiten Schritt verweist Walch auf ein historisches Exemplum: Arminius dient zum einen als Beispiel dafür, daß die Germanen in Latein verfaßte Briefe an die Römer schickten. Arminius dient ihm zum anderen als Beispiel für den Schluß, daß sich das rhetorische Ideal des rechtmäßigen lateinischen Ausdruckes auf die Germanen übertragen läßt. So weist er nach, daß die Germanen von den kulturellen Errungenschaften des antike Roms Gebrauch machte.(15)

Die Funktion Quintilians entspricht in dieser Rede der eines personifizierten Beispiels für die Argumentation. Wie Arminius dient der Redner als Gewährsmann für die These des Fortbestandes der Freien Künste. Im Gegensatz zur Überlieferung der Geschichtsschreibung von Tacitus wird Quintilian als Rhetor Roms beschrieben, der für beide Nationen förderlich ist und dessen Schriften den kulturellen Austausch der Nationen ermöglichen.(16)

Quintilian kommt die Aufgabe eines Gewährsmannes der Überlieferung von Wissen zu, das unabhängig von nationaler Zugehörigkeit von der Antike bis zur Gegenwart tradiert ist. Die angewandte Kritik die historischkritische Methode, mit der er die Fehlinterpretation von Tacitus' Geschichtsschreibung nachweist, ist bei Walch Bestandteil eines kulturellen Konzeptes, das er an der Übernahme der 'artes liberales' veranschaulicht. Walchs Rede ist ein Beispiel praktischer Literaturkritik an antiken Autoren. Das negative Urteil wird in der Überlieferung der Geschichtsschreibung von Tacitus angewandt, und lobende Urteil bezieht sich auf das überlieferte Bildungsgut, das durch Quintilian repräsentiert ist. Die Beweisführung, die sich der Literaturkritik gegenüber der Geschichtsschreibung bedient, zielt in dieser Rede auf den Nachweis und das Lob der Beredsamkeit ( 'eloquentia') der Germanen.

Das Vorbild für staatsmännische Angelegenheiten, die durch die Kunst der Kritik vermittelt werden, sind Johann Georg Walchs und Johann Adolf Jakob Rentschs Reden. Abschließend seinen zwei Schriften betrachtet, die Aufgaben der 'ars critica' mit Anweisungen zur Staatsführung verknüpfen. Zu diesem Zwecke setzen die Redner Johann Georg Walch und Johann Jakob Rentsch personifizierte Beispiele aus der geschichtlichen Überlieferung ein, mit denen sie die Verbindung von Herrschaft und Kritik veranschaulichen. Die Schrift Diatribe de variis modis litteras colendi apud veteres Romanos von Johann Georg Walch wurde 1716 veröffentlicht.(17)

Walch verwendet Quintilian als Gewährsmann zur Darstellung der Funktionen von Grammatik und Beredsamkeit. Zur Veranschaulichung der Verbindung von Staatsführung und Kritik dienen ihm die Anweisungen Quintilians und die Fähigkeiten des Kritikers, die als Bestandteil von Beredsamkeit auch zur Ausübung von Staatsgeschäften förderlich ist. Quintilian ist somit Gewährsmann für die richtige Ausbildung zum Redner und die allgemeinen Bedeutung der Rede für den Aufbau und Ausübung von Staatsgeschäften. Dabei versteht sich Walch in seiner Argumentation darauf, allgemeine Vorstellungen der Ausbildung des Redners auf die Staatssache zu übertragen. Zunächst nennt er Qualitäten, die zur Ausbildung förderlich sind: Die Verbesserung ('emendatio') gilt Walch in Anschluß an Quintilian als ein äußerst nützlicher Teil von Studien jedweder Art.(18)

Nach Quintilian Anraten ist zu jeder Art von Studium eine einfache Lebensführung ('frugalitas') notwendig.(19)

Im abschließenden Teil der Rede wird der Nutzen von Kritik und Beredsamkeit auf die Staatsführung herausgestellt: Walch bezeichnet Kritik ('critica') als Bestandteil der Redekunst ('dicendi ars') und der Beredsamkeit ('eloquentia'). Insbesondere auf deren Bedeutungen als Bestandteile der Staatspolitik weist der Verfasser am Beispiel Roms hin: Für Beratungszwecke, die Tätigkeit von Amtsträgern und den Kontakt mit der Bevölkerung ist Beredsamkeit erstrebenswert.(20)

Eine Rede, welche die Vorstellung der Verbindung von Herrscher und Kritiker und die Vorstellung der Funktion als Vorbild von Redner und Kritiker miteinander verbindet, ist Johann Adolf Jakob Rentschs Rede Oratio de arte critica ab imperatoribus non aliena. Johann Adolf Jakob Rentschs Schrift, die 1758 in Jena veröffentlicht wird, ist auch beispielhaft für die Verknüpfung von 'ars critica' mit dem Lob des Herrschers, den Rückblick auf die Verbindung von zeitgenössischen und antiken Kritikern und Herrschern und ein zeitgenössisches Bildungs- und Politikideal.(21)

Im Unterschied zu Johann Georg Walchs Schrift verweist Rentschs Schrift auf ein konkretes zeitgenössisches Beispiel des Ideals der Zusammengehörigkeit von Herrschaft und Kritik. Im einleitenden ersten Teil der Rede wird die antike 'ars critica' und ihr Gegenstandsbereich veranschaulicht. Rentsch nennt als frühste Beispiele die Dichtungen Homers als Sujet der Kritik und beruft sich bei seiner Aufzählung von Kritikern der Antike wie Sokrates, Aristoteles, Theophrast, Kallimaches, Aristophanes und Aristarchos auf Johann Ernst Immanuel Walchs Schrift De arte critica veterum Romanorum.(22)

Rentsch nennt Horaz stellvertretend für die Fachleute ('experti') der Kritik ('ars critica'). Als Exempel für einen der 'ars critica' würdigen Mann zitiert er die Ars poetica des Horaz, in der solch ei guter und kluger Mann ('vir bonus et prudens') anhand des Philologen, Grammatiker und Kritiker Aristarchos veranschaulicht wird.(23)

Die Argumentation des Hauptteils der Rede bedient sich des historischen Exemplums. Rentschs Auflistung von Kritikern und Herrschern der Antike dient einem konkreten Bildungsidael, das der Herrscher als Typus verkörpert. Die Verknüpfung von 'ars critica' und Herrschaft wird durch unterschiedliche historische und topographische Beispiele des Bundes von Herrscher und Kritiker veranschaulicht. Aus dem Stamm ('genus') der Kritiker nennt er als Vertreter den einst den ägyptischen Herrscher Ptolemäus Euergetes belehrenden Aristarchos, und Plutarch, der von dem mauretanischen König Juba gelesen wurde. Neben Ptolemäus Euergetes und Juba verkörpert Cäsar, der in den Schriften von Cato und Cicero belesen war, den Typus des lehrbegierigen Herrschers. Quintilian dient Rentsch zum einen als bewertende Autorität für die Verbindung von Herrschaft und Kritik und zum anderen als Gewährsmann für die Qualität des richtigen Sprechens ('recte loquendi').(24)

Der Schlußteil der Rede zielt auf die Aktualisierung des Ideals des mittels der Kritik gebildeten Herrschers mit einem Beispiel der Gegenwart ab. So stellt Walch zunächst fest: Diese 'ars critica' war als Disziplin von Grammatikern, Sophisten und Philosophen auch den Herrschern hilfreich. In einem zweiten Schritt verweist er auf die Gegenwart: Als zeitgenössischen Vertreter dieses Herrschertypes nennt Rentsch Friedrich II.(25)

'Ars critica' - eine Disziplin im 18. Jahrhundert

Bei der Gegenüberstellung des Gegenstandsbereiches von 'ars critica' bei Quintilian und Autoren des 18. Jahrhunderts kommt man zu folgendem Befund: Quintilian bezieht seine Literaturkritik in der Institutio Oratoria auf die Beurteilung der Werke von Dichtern, Geschichtsschreibern und Philosophen. Dieses Schema der Gliederung von Schrifttum wird von den Autoren des 18. Jahrhunderts variiert. Bei der Rezeption von Literaturkritik der Institutio Oratoria stehen die Disziplinen Redekunst und Grammatik im Vordergrund. Damit greifen die Autoren auf die bereits von Quintilian thematisierte Verbindung dieser Disziplinen als Bestandteile der 'artes liberales' zurück. Andererseits erweitert sich der Bezugsrahmen der 'ars critica' in Reden des 18. Jahrhunderts neben der praktische Anwendung um die Dimension der historischen Forschung ihrer eigenen Geschichte. Bei Johannes Ernst Immanuel Walch werden Dichtung, Philosophie, Grammatik und Rhetorik als Gegenstandsbereiche der 'ars critica' genannt. Walchs Verständnis der 'ars critica', für das er Quintilian heranzieht, entspricht den Belangen der Philologie, für die er auf Mittel und Methoden verweist: Die Textkorrektur, das Ideal des rechten Schreibens und die Interpretation der Dichtung sind hier Bestandteile der 'ars critica'.

Christian Wilhelm Walchs Rede verbindet die 'ars critica' mit dem Gedanken von Einheit und Fortwirken der 'artes liberales' auf die Gegenwart. Die angewandte Kritik gegenüber der Überlieferung von Geschichtsschreibung dient ihm als Mittel, um dieses Fortwirken zu veranschaulichen. Quintilian ist ihm ein Vertreter der 'artes liberales', deren Verbreitung es ihm an den topographischen Exempla Rom und Germanien aufzuzeigen gilt. Johann Georg Walch und Johann Jakob Rentsch verbinden mit der 'ars critica' ein Rednerideal, das sie durch Quintilian autorisieren. Bei Johann Georg Walch wird die 'critica' als Bestandteil von Grammatik und Rhetorik eingeordnet. Obgleich sich Rentsch auf Johannes Emst Immanuel Walchs Schrift 'ars critica' des antiken Roms beruft und die Beredsamkeit für Staatszwecke preist, faßt er unter den Vertretern der 'ars critica' Grammatiker, aber auch Sophisten und Philosophen zusammen. Quintilian wird als Vorbild in den Schriften, die entweder als historische Dokumente der 'ars critica' oder als angewandte Literaturkritik zu verstehen sind, zurückgegriffen.

Bei der Erörterung des literarischen Urteils ('iudicium') findet sich in der Institutio Oratoria bereits ein Beispiel für die praktische und historische Dimension der 'ars critica'. Diese praktischen Anweisungen zum Beurteilen von Texten und das Schema der Gliederung von Literaturgeschichte werden bei der Quintilian-Rezeption wieder aufgegriffen und insbesondere als Bestandteil der Staatsrede, zur Aktualisierung von antiken Gedanken so dem Bildungsideal des Redners und der 'artes liberales' eingesetzt.

Quintilian dient dabei in den Reden, die Mitte des 18. Jahrhunderts veröffentlicht werden, als ein Exemplum der Rhetorik bei der Beschreibung von Bestandteilen eines zusammenhängenden Bildungsprogrammes der Antike. Quintilian wird als Garant für die Verknüpfung von 'artes liberales' und 'ars critica' herangezogen. Seine Schrift Institutio Oratoria ist Beispiel der Verbindung von Grammatik und Rhetorik. Insbesondere bei diesen Bereichen berufen sich die Autoren auf Quintilian als Personalunion von Redner und Grammatiker. Die Institutio Oratoria wird als Quellenschrift der Literaturkritik in der Antike, zur Anleitung der kritischen Beurteilung von Schriften und als Quelle des Ideals vom richtigen Sprechens herangezogen. Obgleich Quintilian ausdrücklich als Redner in den Schriften Beachtung findet, wird er nicht als Vorbild für die Ausbildung des Redners im 18. Jahrhundert herangezogen, sondern ist vielmehr Garant des Zusammenwirkens von Beredsamkeit und Grammatik .

Damit geht einher, daß die Funktion Quintilians als Vorbild auf das Aufgabenfeld der Textkommentierung der philologischen Kritik ausgerichtet ist. Anhand der Überschneidungen von Begrifflichkeiten der Rhetorik und Grammatik läßt sich Quintilians Funktion für die philologische Kritik ablesen. In diesem Rahmen werden die auf das rhetorische Modell sich beziehenden Inhalte wie Verbesserung ('emendatio'), sprachliche Richtigkeit ('latinitas') und das Ideal des rechten Schreibens und Sprechens aktualisiert. Die Funktion und Stellung Quintilians als Repräsentant der Rhetorik, die als Bestandteil der 'artes liberales' die 'ars critica' beinhaltet, bleibt davon unberührt. Neben Dichtern, Geschichtsschreibern und Philosophen ist Quintilian ein Gewährsmann der Rhetorik für die Anwendung von 'ars critica'.

Die Funktionen der 'ars critica' läßt sich bei der Disziplin Rhetorik verfolgen: Als Bestandteil der 'artes liberales' ist die 'ars critica' nicht selbständig, sondern Teil der jeweiligen Disziplinen. 'Ars critica' ist eine Methode der übergeordneten Disziplin der Kritik. Dies dürfte nicht zuletzt ein Grund für den Fortbestand der Kritik in der Neuzeit sein, in der sie weiterhin als Methode verwendet in unterschiedlichen Disziplinen und über den Bereich der 'artes liberales' hinaus eingesetzt wird. Eine vollständige Systemreferenz auf das 'trivium' der Freien Künste läßt sich für das 18. Jahrhundert nur nachweisen, wenn man das Ideal der Personalunion von Kritik und Herrschaft in der Rede und das philosophische Gespräch als Bestandteil der Dialektik betrachtet, die indirekt in den schriftlichen Reden überliefert werden.

Die Dialektik bleibt im Gegensatz zu Grammatik und Rhetorik in diesen Fällen auf das historische Beispiel der geschichtlichen Überlieferung, beispielsweise Sokrates als Personalunion von Dialektiker und Kritiker, beschränkt. Sieht man von der dialektischen Funktion der Schriftlichen Reden ab, so ist die Relation 'ars critica' Dialektik in den Schriften weitgehend unberücksichtigt. Die Aufgaben solch einer Kritik, die Bestandteil eines hoch differenzierten Modells der Literaturkritik ist, spiegeln sich in ihren Gegenstandsbereichen wieder. Darunter fallen zum einen die 'artes liberales' und zum anderen die verschiedenen Gattungen der Literatur. Bei den Anwendungsbereichen der 'ars critica' wird hier eine Gliederungsstruktur eingesetzt, die bereits von Quintilian genutzt wird. Zu den Textgattungen, die in den Bereich der Kritik fallen, zählen im 18. Jahrhundert neben Dichtung, Geschichtsschreibung und Philosophie ihrer Überlieferung die Reden. Die Gliederung von Lehrschriften in Dichtung, Geschichtsschreibung und Philosophie, die Quintilian zur Bewertung von Autoren einzelner Gattungen vorschlägt, ist exemplarisch für die auch späten aufgegriffene Einteilung von literarischen Gattungen. Der praktische Einsatz der 'ars critica' zielt auf die Anwendung ihrer Bestandteile auf die Literatur mündliche und schriftliche Redegattungen und andere schriftliche Literaturgattungen, die inhaltlich bestimmt sind, ab. Hier dient die 'ars critica' als Bestandteil von Tugenden, Methoden und literarischen Formen der Schriften, auf die sie sich bezieht. In den Redegattungen 'oratio' und 'diatribe' wird sie über die Grenzen der Freien Künste hinaus vermittelt und dient zur Beschreibung und Bewertung von Antike und Gegenwart.

In den Reden des 18. Jahrhunderts sind insbesondere die philologischen Disziplinen Bereiche, auf die sich die Anwendung von Kritik erstreckt. Für diese Bereiche läßt sie sich durchaus mit dem Begriff Literaturkritik gleichsetzen, deren Methoden sie vermittelt. Dieser Befund kann jedoch nicht darüber hinweg täuschen, daß die 'ars critica' im 18. Jahrhundert eine Methode darstellt, die eine Zusammenstellung von unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen ermöglichte. Diese Verknüpfungen sind zum einen durch die historische Überlieferung der Kritik bedingt. Bereits in der Antike wird die Dichtung als Ausgangspunkt der Kritik gewählt und bei den Reden des 18. Jahrhunderts aktualisiert. Bei der Übernahme von historischen Quellen und Personen der Antike, die in diesen Schriften genannt werden, wird die 'ars critica' als Disziplin verstanden, deren Elemente auch für politische Zwecke der Gegenwart aktualisiert werden. So im Rahmen des philologischen Kommentars und der Staatsrede, denen das Ideal des guten Redens ('bene dicendi') und der Beredsamkeit ('eloquentia') aus der Rhetorik zugrunde liegen.

Dieser breite Bereich, in dem die 'ars critica' beheimatet ist, spiegelt sich in der zeitgenössischen Rede des 18. Jahrhunderts wider, in der Kritik und Kritikertum losgelöst von ihnen zugrunde liegenden Disziplinen nach der Darstellung ihrer Vertreter zu staatstragenden Elementen durch die Verbindung von Lobrede, dem 'genus laudativum', und politischer Rede, 'genus demonstrativum', gezählt werden.

Ausblick

Läßt sich festhalten, daß das literarische Urteil ('iudicium') bei Quintilian und 'ars critica' Mitte des 18. Jahrhunderts in Beziehung zueinander stehen so soll hier abschließend die Frage nach Funktion und Funktionswandel der 'ars critica' gestellt sein. Auf anderem Felde, der Philosophie, wird sie nun zum Rüstzeug der Wissenschaft zur Zeit der Aufklärung. Die Verwendung der 'ars critica' als Methode, die unterschiedlichen Funktionen und Disziplinen dient, in der Philologie ist jedoch eine Quelle, die sich schon bei Quintilians Anweisungen zur Beurteilung mittels des literarischen Urteils ('iudicium') abzeichnet. Daß sich die Verbindung einer angewandten Literaturkritik und die Übernahme und Variation der Gattungstrias von Literatur in den Reden des 18. Jahrhunderts nachweisen läßt, geht einher mit dem seit der Antike bestehenden und in der Neuzeit variierten Verständnis von 'ars critica' als Methode. Die interdisziplinäre Ausrichtung der Methode wird im wissenschaftlichen Diskurs der Aufklärung nun offensichtlich.

Obgleich die Reden, die mit der Übernahme antiker Literaturgattungen gern das Beispiel Sokrates als Vertreter diese Kunst überliefern, bleiben in diesen Reden Verweise auf das Zusammenfallen von Urteilsfindung und Dialektik beschränkt auf methodische Beispiele der schriftlichen Rede, der gesprochenen Rede oder des Dialogs. Immanuel Kant hat in der Kritik der Urteilskraft eine Einteilung der Philosophie vorgenommen. Das Rüstzeug der Kritik wird für Kriterien der Beurteilung auch von Kant aufgegriffen. Doch auch Kant knüpft dabei an das auch an zeitgenössische Themen und Disziplinen wie die Ästhetik an, die er methodisch durch die Kritik erschließt. So bemerkt Kant zur Kritik des ästhetischen Urteils, daß das Geschmacksurteil nicht Gegenstand der Diskussion ist. Noch in seiner Bemerkung, daß diese Kritik eines ästhetischen Urteils Spiegel 'sittlicher Ideen' und der 'Kultur des moralischen Gefühls' ist, klingt das von Quintilian geforderte Ideal des 'vir bonus', des in mehrfacher Hinsicht, moralisch wie stilistisch gut sprechenden Rhetors, wieder an.(26)

Anmerkungen

  1. Quintilianus, Marcus Fabius: Institutio oratoria X. Lehrbuch der Redekunst 10. Lateinisch-deutsch. Übersetzt, kommentiert und mit einer Einleitung hrsg. v. Franz Loretto. Stuttgart 1974. 10; 1; 8. Im folgenden werden die jeweiligen Stellen der entsprechenden Quintilian-Ausgabe zitiert.
  2. Quintilian: Inst. orat. 10;1;18/19; 10; 1; 37/40.
  3. Quintilian: Inst. orat. 10; 1; 54.
  4. Walch, Johann Ernst Immanuel: De arte critica veterum Romanorum liber. Jena, 1757 (2.Aufl.).
  5. Walch, Johann Ernst Immanuel: Diatribe de ortu et progressu artis criticae apud veteres Romanos. Jena 1747.
  6. Walch: 1757. S. 6.
  7. Walch: 1757. S. 23.
  8. Walch: 1757. S. 32-33.
  9. Walch: 1757. S. 190.
  10. Walch: 1757. S. 46.
  11. Walch: 1757. S. 52.
  12. Walch: 1757. S. 74.
  13. Walch: 1757. S. 75.
  14. Walch, Christian Wilhelm Franz: De eloquentia Latina veterum Germanorum. Jena 1752.
  15. Walch: 1752. S.12.
  16. Walch: 1752. S.14.
  17. Walch, Johann Georg: Diatribe de variis modis litteras colendi apud veteres Romanos. Leipzig 1716.
  18. Walch: 1716. S. 36.
  19. Walch: 1716. S. 43.
  20. Walch: 1716. S. 55.
  21. Rentsch, Johann Adolf Jakob: Oratio de arte critica ab imperatoribus non aliena. Jena 1758.
  22. Rentsch: 1758. S. 8.
  23. Rentsch: 1758. S. 9.
  24. Rentsch: 1758. S. 10-13.
  25. Rentsch: 1758. S. 15.
  26. Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft und Schriften zur Naturphilosophie. In: Kant, Immanuel: Werke in zehn Bänden. Hrsg. v. Wilhelm Weischedel. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) Sonderausgabe 1983. Bd. 8. S. 465.

Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase (Cheju, Südkorea)

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