recenseo
Texte zu Kunst und Philosophie
ISSN 1437-3777

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Adolf Tscherner: Ecce Friedrich Nietzsche.

Ecce Friedrich Nietzsche?

Von allen philosophischen Denkern hat Friedrich Nietzsche auf mich in meiner Jugend den größten Eindruck gemacht. Dabei bezog sich diese Hochschätzung keinesfalls auf seine Vorstellungen und Auslassungen über philosophische Themen. Zunächst und zu allererst stand die geradezu monumentale Tragik dieses Mannes mir vor Augen. Der Kampf des Laocoon gegen die übermächtige Schlangenbrut, ihm von gegnerischen Göttern geschickt - hier hatte sie sichtbarlich und sinnfällig Gestalt angenommen, war Schicksal geworden, ungerecht, unbarmherzig, unabänderlich.

Sein in geistiger Höhenluft entfesselter Kampf gegen Schicksal, Dasein, Gott geisterte durch seine Werke. War anklagend, trotzig, aufbegehrend, geradezu heroisch, einmal wie Blitz und Donner die Landschaft spaltendes Gewitter, dann zynisch die letzte Konsequenz des Lebens deutende Analyse. Ich nahm Nietzsche als Dichter und Mensch, als willkommenen Umwerter aller Werte, als Widersacher Gottes, der jenen zwang, vor der zermalmenden Attacke Zarathustras zurückzuweichen und nun, da er entfloh, durch diese letzte Schandtat noch den völligen Zusammenbruch aller verbliebenen Hoffnungen Nietzsches, ja der Menschheit, verursachend. Das war grandioses Schauspiel elitärer philosophischer Konstruktion.

Dann seine die Phantasie des Lesers beflügelnde Krankheit. Wie sagt er in "Zwischen Raubvögeln?: Jetzt -von dir selber erjagt, deine eigene Beute, in dich selber eingebort ..." Im aufbrechenden Wahnsinn Nietzsches schien die Tragik dieses Mannes offenbar zu werden und sich zu erfüllen.

Stets die Position der Stärke vertretend, nun von dem Leid der geschundenen Kreatur hingestreckt, nur durch die Tatsache belehrt und bekehrt, daß der ohnmächtigen Seelen Leid noch immer das Maß aller Dinge setzt. Dem war mit dem Willen zur Macht nicht beizukommen. So blieb Nietzsche als einzig gangbarer Weg nur die Flucht ins Dunkel der Umnachtung. Noch in diesem endgültigen Sichabwenden von Welt und geistiger Produktion sollte die Unbesiegbarkeit Nietzsches durch Gott verteidigt werden.

Als ich jetzt für diesen Aufsatz wieder zu den Werken Nietzsches griff, fragte ich mich, ob ich damals Nietzsch nicht einseitig interpretiert hatte. Es entstand für mich die Frage: Ist Nietzsche wirklich der Geist, der den Epochenumbruch einleitete? Oder ist er gar der, der der künftigen Epoche, Sinn oder Unsinn zu geben vermag? Sollte das der Fall sein, welche Rolle spielte er in dem grandiosen Welttheater der ewigen Verwandlungen von geistigen Inhalten und materiellen Manifestationen?

Ich beschäftigte mich also erneut mit ihm, diesmal aber mit wachem Verstand, kritisch, nüchtern, alles Gesagte vermerkend wie von ihm gesagt. Hatte ich damals hauptsächlich die Gedichte und natürlich den "Zarathustra" gelesen, den Zusammenbruch Nietzsches auf der Piazza Carlo Alberto am 3.1.1889 und damit das Ende des geistigen Wirkens Nietzsches als großes Unglück für die Menschheit und das Werk Nietzsches empfunden, wollte ich mich nun der Philosophie Nietzsches, als der eigentlichen Lebensleistung zuwenden.

Ich begriff: will man Nietzsche beurteilen, so kann dies nur in ganzheitlicher Sicht geschehen, wobei die Philosophie den zentralen Platz einnahm. Die von mir so hoch geschätzten Gedichte Nietzsches waren nur Spiegelungen seines Schaffens und seiner Wesensart. Die Philosophie aber war seine eigentliche Domäne, nur in der Philosophie war die Freiheit Nietzsches als sicher anzusehen, sich den aus der sich entwickelnden Krankheit fließenden inneren Zwängen entziehen zu können.

Noch etwas anderes wurde mir klar. Eine zeitliche Entwicklung der Vorstellungen Nietzsches hat es offenbar nicht gegeben. In der Weise äußert sich auch der Verleger K. Schlechta in seinem Nachwort zur Nietzscheausgabe 1958 von Carl Hanser Bd III, S. 1438: "Die bleibenden Themen Nietzsches bilden einen aufs innigste in sich zusammenhängenden Komplex - nicht ... im Sinne einer systematischen Ordnung, sondern so, daß ziemlich gleichartig alles, nach allen Seiten hin, Verwandtem, auch wiederum Gleichgeartetem verhaftet erscheint. Die Titel und Zwischentitel der einzelnen Bücher sind auch darum überwiegend mehr im Hinblick auf den Leser, denn auf eine genau umgrenzte, besondere Sache gewählt; oft wie einer augenblicklichen, glücklichen Laune entsprungen, und man empfindet sie mit Recht so, denn es ist ja doch überall vom Gleichen, vom gleichen Standpunkt aus, die Rede.".

Wenn ich anschließend die einzelnen Vorstellungskomplexe Nietzsches untersuche, werde ich daher die Zitate ganz beliebig aus seinen verschiedenen Lebensabschnitten verwenden. Oft ist es tatsächlich so, daß gleiche Positionen am Beginn und am Ende seiner Schaffenszeit eingenommen wurden.

Konstanz der Positionen wäre noch kein Kritikpunkt. Jeder Naturwissenschaftler fußt letztlich auf einem Basissystem von Positionen, von welchem aus alle weiteren Aussagen gebildet werden. Er wird allerdings nicht seine Zeit damit verschwenden, diese Positionen immer und immer wieder darzustellen. Ihm ist an der Fortentwicklung der Vorstellungen, nicht an der variierenden Darstellung gelegen. Selbst wenn er zu bestehenden Systemen äquivalente Systeme konstruiert, ist diese Konstruktion dazu da, diese Äquivalenz als neue Erkenntnis wissenschaftlich verfügbar zu machen.

Eine wissenschaftliche Entwicklung Nietzschescher Philosophie in der Weise, daß zu Bestehendem neue Erkenntnisse hinzugefügt werden, ist bei ihm leider nicht zu finden. Ja, selbst längere Ableitungen, wie sie sonst in jeder Philosophie vorhanden sind, mögen sie verworren, klar, haltbar oder an den Haaren herbeigeholt sein, sind bestenfalls in der "Geburt der Tragödie .. " vorhanden.

Darauf deutet eine Bemerkung von Karl Jaspers im Jahre 1935 hin: "wo man ihn aufschlägt, kann man ihn unmittebar verstehen; fast auf jeder Seite ist er interessant; seine Urteile faszinieren, seine Sprache berauscht; die kürzeste Lektüre belohnt." Ja, wenn Philosophie in der Weise erfolgen soll, daß sie stets aus dem momentan Gebotenen verständlich ist, dann unterschiede sie sich allerdings von allen anderen Wissenschaften.

Man stelle sich nur einmal vor, man wollte mitten hinein in die Galois-Theorie oder die spezielle Relativitätstheorie springen, ohne Vorkenntnisse versteht sich, und das dort Geschriebene ohne weiteres begreifen wollen. Ich glaube sagen zu dürfen, daß dies Beginnen ganz ohne alle Chancen wäre. Wenn also Philosophie eines Tages doch noch zu einer Wissenschaft taugen sollte, dann gewiß nicht in der Weise, daß deren Ableitungen ohne Berücksichtigung der davorliegenden Ableitungen verständlich wären.

Wissenschaftliche Philosophie ist System-Philosophie. Diese besteht in der sich permanent erweiternden Strukturierung und Eingliederung neuer philosophischer Erkenntnisse ins Erkenntnisgefüge von Sätzen, die als wahr bezeichnet werden. Dieser steht die Bekenntnis-Philosophie entgegen. Da diese sich nicht um den Zusammenhalt der vorgebrachten Argumente zu kümmern braucht, stets also von einer Anfangsposition ausgeht, kann statt von Bekenntnis- auch von Stehgreif-Philosophie gesprochen werden.

Bekenntnis-Philosophie nimmt einen geradezu kontrawissenschaftlichen Standpunkt ein. Kennzeichen von Bekenntnis-Philosophie ist die Abhängigkeit der Ergebnisse von der eigenen Vorbestimmtheit in Schicksal und Charakter des Autors. Die Philosophie wird Ausdruck der persönlichen Weltsicht einer speziellen Person. Da der Einzelmensch zu einer vollständigen und objektiven Sicht aus sich heraus und ohne Bildung eines Erkenntnis-Systems nicht fähig ist, seine Vorstellungen aber mit der Realität kollidieren und dann Urteile hervorbringen, die außerhalb seiner Vorbestimmtheiten liegen, müssen seine Konstruktionen notwendigerweise zu inneren Widersprüchen führen.

Es entsteht eine Diskrepanz zur Realität, selbst wenn die Denkergebnisse nur per Anekdote, Feuilleton oder Essay präsentiert werden. Zu beobachten ist die Statik der Ansichten. Denn da die Hauptergebnisse einer solchen Philosophie schon von allem Anfang an feststehen, ist eine Entwicklung im Sinne von Erkenntnisakkumulation praktisch unmöglich, es sei denn, die eigene Vorbestimmtheit änderte sich.

Ich will nun einige Themenbereiche Nietzschescher Philosophie untersuchen, die diese Philosophie als Bekenntnis-Philosophie nachweisen: Da ist das große Thema des Apollinischen und Dionysischen, welches gemäß Nietzsche für die Fortentwicklung der Kunst maßgeblich ist. Die Vorstellungen hierüber sind in der "Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" ausgebreitet.

Ich zitiere aus Abschnitt 1 "Die Geburt der Tragödie":

"Wir werden viel für die ästhetische Wissenschaft gewonnen haben, wenn wir nicht nur zur logischen Einsicht, sondern zur unmittelbaren Sicherheit der Anschauung gekommen sind, daß die Fortentwicklung der Kunst an die Duplizität des Apollinischen und des Dionysischen gebunden ist."
"An ihre beiden Kunstgottheiten, Apollo und Dionysus, knüpft sich unsere Erkenntnis, daß in der griechischen Welt ein ungeheurer Gegensatz ... zwischen der Kunst des Bildners, der apollinischen, und der unbildlichen Kunst der Musik, als der des Dionysus, besteht."
"Um uns jene beiden Triebe näherzubringen, denken wir sie uns zunächst als die getrennten Kunstwelten des Traumes und des Rausches; ... ".
"Diese freudige Notwendigkeit der Traumerfahrung ist gleichfalls von den Griechen in ihrem Apollo ausgedrückt worden: Apollo, als der Gott aller bildnerischen Kräfte, ist zugleich der wahrsagende Gott.".
"... das Wesen des Dionysischen, das uns am nächsten noch durch die Analogie des Rausches gebracht wird.".

Zwar drückt sich Nietzsche niemals ganz eindeutig aus, doch für mich entsteht der Eindruck, daß bei ihm Kunst hauptsächlich aus den Wurzeln des Apollinischen und des Dionysischen, damit des Traums und des Rausches, hervorgeht. Ob das Apollinische und das Dionysische die Attribute Traum und Rausch wirklich verdienen, sei dahingestellt. Was aber keinesfall akzeptiert werden kann ist die Vorstellung, Kunst habe irgendetwas mit Traum oder Rausch zu tun.

Kunst ist eine besondere Form des Schöpferischen, die es ihr gebietet, neben dem Inhaltlichen auch die Form, in der der Inhalt geboten wird, in besonderem Maß zu berücksichtigen. Sollen Kunstwerke von Rang entstehen, sind beide Aspekte meisterlich zu bewältigen. Die Kombination von Inhalt und Form zu einem Kunstwerk bedeutet für den Erstellungsakt nicht, daß hier etwas geschaffen wird, was über die Schaffung der Einzelkomponenten hinausginge.

Ein Kunstwerk ist ganz einfach ein Inhalt, der mit der Nebenbedingung des Ästhetischen verknüpft ist. Um die Mitwirkung von Traum und Rausch bei der Schaffung eines Kunstwerks abzuschätzen, sollen die Komponenten Inhalt und Form eines Kunstwerks getrennt betrachtet werden. Nehmen wir hierzu einmal als Beispiel den Petersdom in Rom oder den Pantheontempel der Akropolis her. Beides anerkannte Kunstwerke. Beides sowohl der Form, also dem Zweck seiner Bestimmung, als auch der ästhetischen Darbietungsform nach wohlgelungen.

Es wird wohl niemand behaupten wollen, daß Traum oder Rausch aber auch nur die mindeste Rolle bei der zweckhaften Gestaltung dieser Bauten gespielt hat. Aber auch bei der nach außen wirkenden Harmonie der Proportionen und Linien, oder dem, was die Imposanz der Bauwerke ausmacht, kann man sich eine Mitwirkung von Traum oder Rausch kaum vorstellen.

Wenn Traum oder Rausch für die Schaffung von Kunstwerken überhaupt von Bedeutung ist, dann als anfängliche diesen Sonderzuständen zuzuschreibende Intuition. Doch schon im nächsten Schritt, in welchem diese Vorstellung oder Idee vom Traum zum Wachzustand oder vom Rausch zur Nüchternheit hinübergereicht wird, ist sie bereits dem Traumland bzw. der Ekstatik des Rauschs entschwunden. Knochenhart greift die Realität nach ihr, zerpflückt sie, variiert sie, prüft sie auf Stimmigkeit und Umsetzbarkeit.

Man sagt, daß der Anteil der Intuition bei der Schaffung eines Objekts nur 5% des Gesamtaufwands ausmacht. Der Rest ist folgerichtige Umsetzung der anfänglichen Idee. Beim Anteil von Traum- oder Rauschzuständen an Vorgängen der Intuition dürfte der Anteil noch geringer sein, er macht vielleicht 2% aus. Zusammengenommen ist also der Anteil von Traum oder Rausch an der Erstellung eines Kunstwerks auf gerade 1 Promille des Gesamtaufwands anzusetzen. Und da versteigt sich Nietzsche dahin, die Duplizität des Apollinischen und des Dionysischen als grundlegend für die Fortentwicklung der Kunst an zusehen.

Das ganze wäre also völlig überflüssig und sinnlos, wenn nicht, ja wenn nicht dieser bizarren Konstruktion ein hinterhältig zielgerichteter Zweck zugrunde läge. Dieser Zweck ist die vollständige und lückenlose Destruktion aller geistigen Inhalte der Menschheit. Das, was Jahrhunderte und Jahrtausende an Wert und Wahrheit zustande gebracht, soll auf dem Weg der unzutreffenden und an den Haaren herbeigezogenen Micro-Argumentation der zerstörerischen Erosion ausgeliefert werden.

Da scheut Nietzsche selbst vor der Diffamierung der ihm im Innersten am Herzen liegenden Kunst nicht zurück. Denn was ist Traum und Rausch anderes als das in das menschliche Bewußtsein transferierte Chaos. Chaos, das ist Nietzsches Thema. Der Nachweis, daß Natur und Geist von Chaos durchsetzt und damit sinnlos, nichtig, unwert zu bezeichnen sei ist sein Anliegen. Es ist der Versuch, die große Sinnentleerung und Wertvernichtung über Kultur und Zivilisation zu breiten. Das ist Nietzsche-Philosophie!

Fast möchte man den Dichter in Nietzsche vor dem Philosophen in Schutz nehmen. Aber ach, der Dichter in seinen Gedichten sagt nichts anderes, als der Philosoph sagt. Auch er spricht immer nur von Tugenden, die es nicht wert sind, als solche bezeichnet zu werden. Daher ist es vielleicht angesagt, zunächst einmal einen Blick in die Dichtung Nietzsches zu werfen, da hier für ihn die Hemmschwelle, Ungeheuerlichkeiten zu verkünden, niedriger war als im abstrakten Bereich der Philosophie. Hierzu bieten sich die Dionysus-Dithyramben und das Buch "Also sprach Zarathustra" an, aus denen ich zunächst einige Zitate bringen möchte.

Zwischen Raubvögeln (Aus den Dionysos-Dithyramben)
" ... Oh Zarathustra, grausamster Nimrod!
Jüngst Jäger noch Gottes, das Fangnetz aller Tugend, der Pfeil des Bösen!
Jetzt - von dir selber erjagt, deine eigene Beute, in dich selber eingebohrt...
...
Jetzt - zwischen zwei Nichtse eingekrümmt, ein Fragezeichen,
ein müdes Rätsel - ein Rätsel für Raubvögel ...

- sie werden dich schon "lösen", sie hungern schon nach deiner "Lösung",
sie flattern schon um dich, ihr Rätsel, um dich, Gehenkter! ...
Oh Zarathustra! ...Selbstkenner! Selbsthenker!"

Ruhm und Ewigkeit (Aus den Dionysos-Dithyramben)
" ... Wo Haß und Blitzstrahl eins ward, ein Fluch -,
auf den Bergen haust jetzt Zarathustras Zorn,
eine Wetterwolke schleicht er seines Wegs.
.. ins Bett mit euch, ihr Zärtlinge!
... nun zucken Blitze und schwefelgelbe Wahrheiten - Zarathustra flucht..."

Der Zauberer (Aus "Also sprach Zarathustra")
"... Biege mich, winde mich, gequält von allen ewigen Martern,
Getroffen von dir, grausamster Jäger, du unbekannter - Gott!
...
Haha! Mich - willst du? Mich? Mich - ganz?
Haha! Und marterst mich, Narr, der du bist, zermarterst meinen Stolz?
Gib Liebe mir - wer wärmt mich noch? Wer liebt mich noch?
Gib heiße Hände! Gib Herzens-Kohlenbecken,
Gib mir, dem Einsamsten, den Eis, ach! siebenfaches Eis
nach Feinden selber, nach Feinden schmachten lehrt,
gib, ja ergib, grausamster Feind, mir - dich! --
Davon! Da floh er selber, mein einziger Genoß,
Mein großer Feind, mein Unbekannter, mein Henker-Gott!"

Die zitierten Gedichte bzw gedichthaften Texte beziehen sich auf die G stalt des Zarathustra, die nicht stärker im Widerspruch zur Gestalt des historischen Zarathustras stehen könnte. Nietzsche zwingt Zarathustra geradezu in die Rolle eines gefallenen Engels hinein, der als Luzifer mit Gott hadert, während doch der wahre Zarathustra als Streiter Gottes das von ihm geschaffene Böse bekämpfte. Ich möchte zur Erhärtung dieses Sachverhalts aus dem sehr kompetenten Buch von Gerald Messadié: "Teufel Satan Luzifer" zwei Zitate bringen. Sie zeigen, daß Nietzsche schon in einer geradezu ungehörigen Weise die Gestalt Zarathustras mißbrauchte:

(S. 113 über Zarathustra) "Er war ein armer und überspannter Poet, ein Mensch, der gegen Gewalt war und liebevoll, ein Erleuchteter, ein Schamane vielleicht, doch er war die strafende Gerechtigkeit selbst. So ging er mit außerordentlicher Brutalität gegen jene vor, die blutige Rituale feierten. ... Es ist verführerisch, zu glauben, daß der Sohn eines Pferdezüchters die Opferung von Pferden verabscheut, weil er mit diesen herrlichen Tieren eng und in nahezu brüderlicher Verbundenheit zusammengelebt hat. ... Gesichert ist nur seine ausgeprägte Abneigung gegen die brutalen Adligen.".

(S. 118) "Wesentlich ist für uns im Augenblick, daß Zarathustra das immanente Gute und Böse erfunden hat, deren Gegensatz vom Anbeginn der Zeiten bestand und sich erst am Ende der Zeiten auflösen wird. Sein theologisches Weltbild zeigt solche Ähnlichkeit mit dem des Christentums, daß man denken könnte, die Kirchenväter hätten die Gathas gelesen, wenn nicht sogar stellenweise kopiert: Das Leben ist nur ein Übergang, bei dem jeder Gedanke, jedes Wort und und jede Handlung das Los des Einzelnen im Jenseits vorbereitet. Dort wird der gute Gott die Bösen bestrafen und die Guten belohnen. Wenn Ahriman am Ende aller Zeiten von Mithra, der in Menschengestalt erscheint, besiegt wird, werden die Toten wiederauferstehen, und das Jüngste Gericht wird die Bösen von neuem in die Hölle schicken. Die Guten werden ewig im Paradies leben. Bis auf weniges ist das genau der Rahmen der drei monotheistischen Religionen, auch wenn das Christentum noch am leichtesten hineinpaßt.".

Die einzige Übereinstimmung, die ich zwischen dem historischen Zarathustra und dem erdachten Zarathustra, sprich Nietzsche, erkennen kann ist ihre Abneigung gegen Grausamkeiten. In der Geburt der Tragödie (Abschnitt 2) sagt Nietzsche in Bezug auf dionysische Feste: "Fast überall lag das Zentrum dieser Feste in einer überschwenglichen geschlechtlichen Zügellosigkeit, deren Wellen über jedes Familientum und dessen Satzungen hinwegfluteten; gerade die wildesten Bestien der Natur wurden hier entfesselt, bis zu jener abscheulichen Mischung von Wollust und Grausamkeit, die mir immer als der eigentliche "Hexentrank" erschienen ist.".

Es erscheint als Ironie des Schicksals, daß bei der alles sinnhafte Denken Nietzsches beendenden Katastrophe vom 4.1.1889 die grausame Quälerei eines Pferdes die entscheidende Rolle spielte. War hier der permanent zum Zustechen aufgeforderte "Henker-Gott" endlich der Zurückhaltung müde, daß er dem Wunsche Nietzsches entsprach und mit leichter Hand die ganze heile Zerstörungswelt Nietzsches auf einen Schlag in die Absurdität führte? Wollte jener grausame Jäger Nietzsche in einem grotesken Schauspiel zeigen, daß das menschliche Dasein nicht nur aus Wille und Handlung, sondern auch aus Empfindung, speziell der Empfindung zwanghaft an sich erfahrenem Leid anderer besteht?

Wenn ich jetzt die von Nietzsche propagierte Umwertung aller Werte ins Auge fasse, bin ich mir nicht sicher, ob er mit Umwertung nicht die Entwertung, ja Zerstörung aller Werte meint. Bei mir entsteht der Eindruck, als wüßte Nietzsche überhaupt nicht, was so etwas wie Wert darstellt. Das zeigen z.B. seine Auslassungen über die menschlichen Tugenden, die eine eigentümliche Zweckbezogenheit dieser doch ursprünglich zur Selbstlosigkeit und zur Selbstbeschränkung tendierenden Verhaltensweisen ins Spiel bringen.

So sagt er in "Also sprach Zarathustra" Von den Tugendhaften (S. 77): "Und nun zürnt ihr mir, daß ich lehre, es gibt keinen Lohn- und Zahlmeister? Und wahrlich, ich lehre nicht einmal, daß Tugend ihr eigener Lohn ist."

Und in "Morgenröte", 2.Buch Abschnitt 147: "Ursache des Altruismus. - Von der Liebe haben die Menschen im ganzen deshalb so emphatisch und vergöttlichend gesprochen, weil sie wenig davon gehabt haben und sich niemals an dieser Kost satt essen durften."

Ja, wenn man Tugend als Tauschobjekt ansieht, oder gar Tugend nur deshalb übt, um nachträglich um so heftiger Untugenden praktiziern zu können, dann wird Tugend allerdings zu einem Auslaufartikel menschlicher Verhaltensweise. Was dann allerdings mit der Menschheit geschieht läßt sich nur in Umrissen ausmalen. Es bedeutet letztlich die völlige Selbstauflösung und Selbstzerstörung der Menschheit.

Denn Nietzsche versteht unter Tugend durchaus nicht nur die schwer zu fassende Mitmenschlichkeit und Liebe, sondern durchaus auch solche Forderungen, die der Gesellschaft Einsatz, Arbeit, Rücksichtnahme, Friedfertigkeit abverlangen. Ob ihm allerdings klar ist, daß die Menge der Tugenden auch als Gegensatz zur Menge der Untugenden definiert werden kann, bleibt ungewiß. Tugend als Vermeidung von Untugend. Die Untugenden Mord, Völkermord, Rache, Haß und die Bereitschaft, andere Wesen zu foltern oder aus selbstsüchtigen Gründen zu ruinieren, können in einer Gesellschaft, die die Mittel der Selbstzerstörung besitzt, einfach aus dem Zwang der Selbsterhaltung heraus nicht toleriert werden.

Wenn Nietzsche in den "Fünf Vorreden zu fünf ungeschriebenen Büchern - Der griechische Staat" sagt: "Das künstlerische Schaffen fällt bei den Griechen ebensosehr unter den unehrwürdigen Begriff der Arbeit, wie jedes banausische Handwerk." ... und: "Jeder Augenblick frißt den vorhergehenden, jede Geburt ist der Tod unzähliger Wesen; Zeugen, Leben und Morden ist eins.", dann setzt er die von ihm verfolgte Entwertung der Tugenden mit der Deklaration der Wertlosigkeit des Menschen fort.

Der Schlußpunkt Nietzschescher Lehre ist dann die in der Morgenröte 2.Buch Abschnitt 148 vorgetragene Bemerkung: "Wenn der Mensch sich nicht mehr für böse hält, hört er auf, es zu sein!"Das bedeutet doch wohl: Bist du nur gewissenlos genug, Ungeheuerlichkeiten zu tun, ist alles erlaubt, Mord, Folter, Raub und Ausbeutung aus Besitzgier.

Und das alles nur für die wenigen Raubtiere der Gesellschaft, für die, die sich jeder Sozialität entgegenstellen. Ich zitiere aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre Band III S. 491 (Hrsg.Karl Schlechta): "Der Wille zur Macht. - Wie die Menschen beschaffen sein müßten, welche diese Umwertung an sich vornehmen. Die Rangordnung als Machtordnung: Krieg und Gefahr die Voraussetzung, daß ein Rang seine Bedingung festhält. Das grandiose Vorbild: der Mensch in der Natur - das schwächste, klügste Wesen sich zum Herrn machend, die dümmeren Gewalten sich unterjochend.".

Nur eines ist noch nötig, die Selbstvernichtung der Menschheit unaufhaltsam zu machen: das ist die Verächtlichmachung und Scheinwiderlegung aller verantwortungsbewußten Wissenschaft. Allein Wissenschaft könnte der Mechanik von Entsetzen und Chaos noch einen Stein in den Weg legen.

Um die Sinnlosigkeit aller Wissenschaft evident zu machen sagt er der Realität selbst den Kampf an. In "Die fröhliche Wissenschaft" 3.Buch Abschnitt 109: heißt es: "Der Gesamtcharakter der Welt ist dagegen in alle Ewigkeit Chaos, nicht im Sinne der fehlenden Notwendigkeit sondern der fehlenden Ordnung." Das bedeutet ja wohl, er hat keinen Zweck, wissenschaftliche Ergebnisse hervorzubringen. Das was hervorgebracht werden kann ist doch nur Abbild einer unbehebbaren Chaotik. Wozu die Mühe!

So sagt er in Bezug auf die Physik in "Jenseits von Gut und Böse- Von den Vorurteilen der Philosophie" Abschnitt 22: ".. jene Gesetzmäßigkeit der Natur, von der ihr Physiker so stolz redet, wie als ob - - besteht nur dank eurer Ausdeutung und schlechten Philologie - sie ist kein Tatbestand, kein Text, vielmehr nur eine naiv-humanitäre Zurechtmachung und Sinnverdrehung, mit der ihr den demokratischen Instinkten der modernen Seele sattsam entgegenkommt!".

Hätte er die Giftblüten moderner Technologie gekannt, die dieser herabgewürdigten Wissenschaft entsprossen, hätte er vielleicht anders gesprochen. Oder auch nicht. Sagt er doch in "Jenseits von Gut und Böse- Der freie Geist" Abschnitt 24: "... erst auf diesem nunmehr festen und granitnen Grunde von Unwissenheit durfte sich bisher die Wissenschaft erheben, der Wille zum Wissen auf dem Grunde eines viel gewaltigeren Willens, des Willens zum Nicht-wissen, zum Ungewissen, zum Unwahren!"

Als Kuriosum nicht schlecht! Zenit des Tages, höchster Stand der Sonne! Alle blitzenden Augen gen Himmel gekehrt. Zarathustra, fragwürdig wie schon immer, sich selbst fragwürdig bezeichnend, taucht in den Schatten ewiger Umnachtung ein. Oder wollte er nur etwas Stärkendes, Herzstärkendes der Horde Menschheit hinwerfen, einen ausgekochten, ausgelutschten, sinnlos emporgewürgten Knochen abgenagter abgeschmackter längst abgetaner Geistigkeit?

Nun, es ist doch wohl so, daß Nietzsche Wissenschaft nur dann zulassen will, wenn deren Beschaffenheit das Wissen der Menschheit zu unterminieren und zu zerstören vermag. Dieser Wille zu Nichtwissen und Ungewissem entstammt dem Nietzscheschen Willen zur Destruktion. Aus welchen Gründen auch immer: das gesamte Wirken und Trachten Nietzsches läßt sich auf diesen widersozialen Nenner bringen. Ich meine nicht fehlzugehen, wenn ich das Nietzsche-Prinzip deklariere als den Willen, göttliche Harmonie mittels Destruktion zu menschheitlichem Chaos und Untergang abzufälschen.

Nach Beantwortung der Frage, welche Wirkung Nietzsche mit seiner Philosophie erreichen wollte, entsteht die neue Frage, welche Wirkung entfaltete die Philosophie Nietzsches tatsächlich. Diese Wirkung ist erheblich! Das Werk Nietzsches hat in der Vergangenheit eine Wirkung entfaltet, die Nietzsches kühnste Hoffnungen weit übertroffen hätte. Im heutigenZeitjargon gesprochen, war hier eine schon fast kriminell zu bezeichnende Energie pseudo-geistigen Inhalts wirksam geworden, die in der jetzigen Gesellschaft auf fruchtbaren Boden fiel. Dies betrifft den materiellen, aber auch den geistigen Bereich.

Die eigentliche Misere heutiger Philosophie ist die Apathie, man könnte fast sagen Agonie, der sie verfallen ist. Die großen Fragen der Menschheit, deren Beantwortung ihr eigentlicher geistiger Auftrag darstellt, wird geflissentlich ignoriert und beiseitegeschoben, indem sie in einem vor-wissenschaftlichen Zustand verharrt. Statt Fakten werden Interpretationen und Klassifikationen von Philosophen gesammelt. Alles das ist ganz unproduktiv und den Zielen philosophischer Forschung in keiner Weise dienlich.

Bei der Herausbildung dieser Art Geisteshaltung spielten die Arbeiten Nietzsches gewiß eine tragende Rolle. Allerdings darf das Wirken Nietzsches nicht einseitig gesehen werden. Er kann als der große Zerstörer von Pseudo-Kulturwerten angesehen werden. Hervorgebracht vom zerfallenden Zeitalter des Traums, der Illusion, des drohenden Chaos, aber letztlich der unbändigen Ichhaftigkeit, die sich bei ihm im Bild des Herrenmenschen und Übermenschen manifestierte, symbolisierte er geradezu die dem Gott Shiwa zugeordnete Geisteskraft der Zerstörung des Nicht-Lebensfähigen. Philosoph des Epochensprungs. Mit dem Anbrechen des neuen Zeitalters ist seine Arbeit dann auch getan. Zarathustra zerstört die beiden Götzenbilder - des Bösen und des Chaos. Seine Arbeit ist getan!

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